Über Intros und Extros

Ich bin Introvertiert.

Ich war eigentlich kein per se fröhliches Kind…

Ich war neugierig. Sehr sogar. Wenn wir bei Verwandten waren, fand ich es irre spannend, in deren Schubladen herumzusuchen… kam meistens nicht besonders gut an. Als ich dann lesen lernte (und ich lernte es dann in der Schule ziemlich schnell) fand ich eine andere Quelle um meinen Wissensdurst zu stillen: Bücher! Ich erinnere mich, das ich mir eines morgens wirklich alle Lexikas, die im Haus zu finden waren, schnappte und wild darin herumblätterte und alles las, was mich interessierte.
Sport (wobei ich Skifahren liebte) und insbesondere Fußball fand ich tödlich langweilig. Eigentlich Wettbewerbe ansich fand ich langweilig. Dafür fand ich Lego unheimlich toll.
Wenn es damals schon Internet gegeben hätte wäre ich wohl wirklich 24/7 im Internet gewesen und hätte alles gelesen was Wikipedia so hergibt.
„Draußen“ gab es de facto nichts, was mich groß interessierte. Hätten meine Eltern damals Kabelanschluss gehabt, hätte ich mir ab 1981 wohl rund um die Uhr MTV reingezogen!

Also hab ich gelesen – und ich hab echt viel gelesen!

Als ich dann irgendwann einen Büchereiausweis hatte, fuhr ich mehrmals im Monat zur Stadtbücherei und holte mir neuen Lesestoff, während meine Klassenkameraden lieber draußen (aus meiner Sicht sinnfrei) herum rannten.
So lernte ich Jack London, Michael Ende, Otfried Preussler, Astrid Lindgren, Enid Blyton, John Hagenbeck und viele andere tolle Autoren kennen- während meine Klassenkameraden die Ergebnisse der letzten Spiele ihrer Lieblingsmannschaften herunterbeten konnten. Wenn vom Großteil überhaupt etwas gelesen wurde, dann „Dr. Sommer“ in der BRAVO.

Schon damals hörte ich immer wieder den Satz

„Der Thomas ist ein stiller!“

Ich war kein sonderlich „wildes“ Kind. Erst jetzt (seit 2015 aber so richtig) begreife ich „Ich bin ein Intro!“ Ich bin Introvertiert!
Dieses „Stillsein“ gehört da dazu.

Smalltalk ist auch so eine Sache. Ich habe einfach kein Talent dafür- wie so viele Introvertierte. 

Zum Beispiel die beliebte frage „Wie gehts Dir?“
Die frage ist sicherlich lieb und nett gemeint und manchmal sogar auch von echtem interesse- läuft bei mir allerdings leider vollkommen ins leere!
Das ist auch absolut kein böser Wille von mir! Ich kann nur mit der frage einfach nichts anfangen!
Und zwar deswegen, weil ich mich frage „WAS GENAU will mein gegenüber jetzt von mir wissen?“
Meinen Blutdruck? Wie mein letzter Stuhlgang war? Meinen Blutzucker? Soll ich spontan umfangreich antworten, was mich konkret gerade umtreibt? Meinen Liebeskummer ausbreiten (wenn ich welchen hätte)? Meinen Zoff mit der Steuer (wenn ich welchen hätte)? Welche Zipperlein gerade meine Verwandtschaft hat (wenn sie welche hätte)?
Sowas finde ich alleine schon massiv anstrengend, wenn ich nur danebenstehe und anderen dabei zuhören muss! Ehrlich- sowas liegt mir nicht und ich frage mich was das bringen soll wenn ich es erzählen würde.
Also antworte ich dann meistens mit „Muss!“ – und mein gegenüber ist damit auch meistens zufrieden. Sowas irritiert mich dann wieder, weil ich eigentlich keine Antwort gegeben habe.

Sätze, die ich immer wieder höre sind z.B.

„Du bist schon auch ein komischer Vogel!“

Stört mich das? Früher tat es das. Heute denke ich mir eher „Nur kein Neid!“ 

Ich bin Introvertiert! 
Ich mag z.B. keine Bierzelte oder Biergärten… eigentlich generell größere Menschenansammlungen, wenn ich dort keine konkrete Aufgabe habe (wie z.B. zu fotografieren) auf die ich mich fokussieren kann. Einfach nur dorthin gehen zum Spaß haben? Das wäre kein Spaß- das wäre 100% Stress für mich!
Privat z.B. zum Volksfest oder zur Gickelskerb? In das Bierzelt setzen, seinen „Pflichtgickel“ (für Leute aus anderen Teilen Deutschlands: Gickel = Brathahn) verspachteln, sich eine Maß in den Schlund kippen und dann wieder nach Hause wanken? Auf keinen Fall! Nicht mit mir!
Bin ich deswegen ungesellig? Man kann sich mit mir bestimmt auch gut unterhalten- nur eben nicht an lauten Orten! Das finde ich wirklich anstrengend- wenn ich ständig gegen eine Beschallungsanlage anschreien muss, um mich halbwegs verständlich zu machen.

Meetings sind Stress pur!

Meetings sind auch so ein Beispiel: Stress pur. Extros (also Extrovertierte- das genaue Gegenteil von Intros) gehen da ja auf wie ein Hefekloß! 
Extros reden, quasseln dich schwindelig, blubbern dich voll mit endlosen Wortgirlanden bis du zu allem nur noch „Ja & Amen“ sagst, nur das sie endlich mal ruhig sind- obwohl du vielleicht nur 50% von dem was sie abgesondert haben, richtig erfasst hast.

Meinen „Albtraumjob“ diesbezüglich hatte ich bei einer Agentur, in der es täglich (gefühlt) „24/7“ Meetings gab.
Schon Montagfrüh ging das los. Meistens völlig sinnbefreites gelaber darüber, welche ach-so-glorreichen „Glanz- und Heldentaten“ man doch am Wochenende begangen hatte. Das dauerte meistens auch noch 1-2 Stunden während die arbeit liegenblieb. Einmal wurde mir eine Abmahnung angedroht, weil ich es wagte, einem „suuuperwichtigen“ Meeting fern zu bleiben, um einen Abgabetermin einzuhalten…

Extros. Ich kann mit den meisten auf Dauer einfach nicht viel anfangen.

Eine zeitlang kann das ganz gut funktionieren- aber irgendwann werden Extros mir einfach zu anstrengend.

Tolles Buch zu dem Thema, in dem ich auch viel über mich selbst gelernt habe. „Still: Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt“ von Susan Cain

Guter Artikel zu dem Thema: http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/beruf/dueck-dagegen-warum-intros-schlafen-gehen-und-extros-an-die-bar-15210302.html
Zitat: „Intros dagegen legen auf den Inhalt ihrer Äußerungen Wert und wollen zusätzlich sicher sein, dass man ihre Beiträge auch würdigt und ernst nimmt, sonst sagen sie lieber nichts. Einfach so reden? Nein. Daher hassen sie auch alle die inhaltslosen Smalltalks.“
Naja- ich würde jetzt nicht sagen, das ich Smalltalk hasse. Ich kann es einfach nicht besonders gut.

Allerdings finde ich, das in dem Artikel Extros verteufelt werden. Extros haben durchaus ihre Daseinsberechtigung! Es muss sie geben.
Jedoch sollte man schon aufpassen, welche Jobs man ihnen anvertraut… Staatslenker oder generell Politiker sollten z.B. keine Extros sein. Aber in jedem Team oder Arbeitsgruppe z.B. sollte mindestens auch ein Extro sein.

Weitere Artikel zu dem Thema:
https://www.mensch-und-psyche.de/persoenlichkeit/extrovertiert-oder-introvertiert/
https://www.apotheken-umschau.de/Psyche/Extrovertiert-Hoppla-jetzt-komm-ich-331159.html
http://www.spiegel.de/karriere/karrieretypen-warum-introvertierte-jetzt-gefragter-sind-als-extrovertierte-a-1142725.html

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